Antoschka

Sein Talent hatte Anotschka von seinem Vater geerbt. Der wiederum hatte sein Talent von seinem Vater geerbt und so weiter und so weiter. So lange es die Ikonenmalerei gab, hatten sich Antoschkas Vorfahren damit die Brötchen verdient.
Wann genau Anton Antonowitsch Antonow seine erste Ikone gemalt hatte, wusste keiner mehr so genau. Man erzählt sich, dass es zur gleichen Zeit geschah, als er laufen gelernt hatte. Sein Vater brachte ihm alles bei, was er für seinen Beruf als Ikonenmaler wissen musste, und bald war Antoschka bekannt dafür, die schönsten Ikonen weit und breit zu kreieren.
Außer der Ikonenmalerei hatte Antoschka keine nennenswerten Talente. Praktische Fähigkeiten hatte er so gut wie keine. Er konnte sich nicht mal ein Brot schmieren und wäre wohl, wenn er nicht so talentiert und deshalb so beliebt gewesen wäre, in kurzer Zeit elendig verhungert. Ein Kloster nahm sich seiner an. Im Kloster bescherten ihm seine Ikonen ein einfaches, aber glückliches Leben.
Die Leute verehrten ihn für seine Kunst und kamen aus dem ganzen Land, aus weit entfernten Rajonen, von denen er noch nie zuvor gehört hatte, um seine Ikonen zu erstehen.
Geld verlangte Antoschka nicht für seine Ikonen, denn er malte sie sowieso. Für das Kloster war Antoschka wahrlich ein Segen, denn er fraß nicht viel und verbrauchte nur wenig. Wenig Platz zum Beispiel.
In seinem kleinen Atelier in einer Hütte hinter dem Badehaus des Klosters brachte er die Tage mit dem Malen von Ikonen zu. Am Morgen erwachte er noch vor dem ersten Sonnenstrahl, am Abend ging er bei Sonnenuntergang zu Bett und er aß nie mehr, als dass, was in seine Handflächen passte.Drei oder vier Ikonen schaffte er am Tag.
Antoschkas Ikonen waren nicht nur von besonderer, detailreicher Schönheit, auch konnte man den Heiligen förmlich die Heiligkeit aus den Augen quellen sehen, wenn sie in der Stube in der Ikonenecke hingen. Für so etwas waren die Gläubigen gerne bereit, viel Geld zu bezahlen.
Das Geschäft mit den Ikonen lief so gut, dass die Mönche des Klosters bald im ganzen Land für ihre Fettleibigkeit bekannt waren.
Antoschka interessierte das alles nicht, er wollte nur Ikonen malen, so wie er es seit er denken konnte Tag für Tag getan hatte.
Das Leben im Kloster verlief eine ganze Weile gut für Antoschka, als sich irgendwann eine Veränderung bemerkbar machte. Seine Ikonen waren wie jeher ohne Makel, detailreich und schön, bis Antoschka begann sie nach der Fertigstellung auf eine ganz besondere Art zu verzieren.
So begann er nach dem setzen der Signatur mit einem dicken Pinsel und Bitumen Hakenkreuze auf die Ikonen zu setzen. Egal wie sehr die Mönche auch versuchten, Antoschka davon abzuhalten, er schaffte es immer wieder und nach jeder Signatur ein Hakenkreuz auf die Ikonen zu setzen. Viel Gläubige und Pilger hatten dafür wenig Verständnis, kaum einer kaufte noch eine von seinen Ikonen. Kaum einer bis auf eine Gruppe Gläubiger, die gerade wegen der Swastika eine Ikone kauften. Auch wenn diese Gläubigen nicht dem gleichen Gott huldigten wie die Mönche zum Beispiel, waren sie dennoch froh um jeden Verkauf.
Bald jedoch überstieg das bisschen, was Antoschka konsumierte dem, was das Kloster durch den Ikonenverkauf einnahm und man beschloss, den Ikonenmaler auf die Straße zu setzen. Auf die einsame, staubige Landstraße vor den Klostertoren.
Antoschka verstand nicht ganz. Ratlos stand er nun auf der Straße. Der Grund für den Zorn der Klosterbrüder blieb ihm unerklärlich. So stand er also auf der staubigen Straße, ohne Dach über dem Kopf und ohne Brot im Bauch.
Erst war er verwirrt, dann enttäuscht und kurz darauf wütend. Wütend auf die Mönche und wütend auf Gott. Ein Gott, der durch seine Diener einen auf die Straße setzen ließ, nur weil der seine Kunst nicht verstand. Hatte doch sein Talent die Mönche erst so fett und unansehnlich wachsen lassen, und das war nun der Dank?!
Drei Tage stand Antoschka vor dem geschlossenen Klostertor und war kurz davor vor Durst umzukommen, als ein Kleinbus vor ihm zum stehen kam. Bis auf einen Platz war der Bus voll mit Männern und Frauen, dem Aussehen nach Bauern.
„Hey du! Steig ein! Wir können noch einen gebrauchen!“, rief ihm der Fahrer zu. Und was blieb Antoschka anderes übrig, als mitzufahren?!

Heutzutage sucht man Antoschka vergebens in der Nähe eines Klosters. Eher noch kann man ihm auf einem Spargelfeld irgendwo in Deutschland finden, wo er mit gekrümmtem Rücken weiße Stängel aus der Erde pult.
Er aß noch immer nur so viel, wie in seine Handflächen passte, doch konnte er sich seine Brote nun selber schmieren. Wenn man ihn fragte, so antwortete er stets, dass er zufrieden war mit sich und seinem Leben.
Dann und wann überkam ihn der Wunsch zu malen, eine Ikone der alten Zeiten halber. Er wusste genau, dass, wenn es wieder einmal soweit sein sollte, er sein Werk mit dickem Pinsel und Bitumen vollenden würde, nur so, um Gott zu ärgern.

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