don’t stop me now – oder besser doch

Der zivilisierte Mensch ist unstoppbar. Er kann und darf nicht aufgehalten werden, bei was auch immer er gerade tut. Sein Motor läuft rund um die Uhr, 24/7. Gemeint ist damit nicht das Herz, obwohl das nahe liegt und auch so eine Art Motor darstellt. Der Motor ist er selber. Er, der sich ein System erschaffen hat, welches ihm und seiner Bedürfnissgeilheit das höchste Maß an Befriedigung und Verdeb zugleich bietet. Er ist der Kapitalismus, ein abstraktes Wesen, dass sich in seinem Denken, in seinen Werten und seinem Handeln manifestiert. Wir, Du, ich, alle. Und es ist richtig geil. Weil wir richtig geil sind. Ständig. Das müssen wir zugeben. Damit das so bleibt, darf der Mensch auf keinen Fall unterbrochen oder gestoppt werden und zwar in seiner Individualität. Denn nur er ist wichtig. Überhaupt ist er das wichtigste Ding auf der ganzen Welt. Nur so, falls Du das noch nicht mitbekommen hast. Aber nicht “der Mensch” an sich. Vielmehr ein jeder, einzelne, also das “Individuum”. Erst durch das Individuum wird der Mensch so richtig geil. Und dieses geilste aller Individuen darf nie gestoppt werden. Weil das einfach nicht dem Naturell eines Individuums entsprechen darf. Wenn man es in irgendeiner Form hindert, hört es auf individuell zu sein. Es stirbt ab. Ende, aus. Nicht beim Fressen, nicht beim Kacken, nicht beim Einkaufen, nicht bei der Arbeit und nicht in der Freizeit, nicht beim Reisen, nicht beim Autofahren, nicht beim Chinesen und nicht im Internet, nicht im Puff und nicht beim Elternabend der Grundschule. Man darf ihn einfach nicht behindern! Denn das würde gleichzeitig bedeuten, das gesamte System zu behindern. Das wäre dann mit Vaterlandsverrat gleichzusetzen, oder noch schlimmer. Unmöglich. Das Individuum kann nicht stillstehen. Es muss sich bewegen, konsumieren und generieren. Geld verdienen und umsetzen. Kaufen, kaufen kaufen, kacken, kacken, kacken. Immerzu. Für was sollte man sonst jeden Tag auf Arbeit gehen? Sich eine Karriere aufbauen. Geld verdienen, viel Geld verdienen. Weil es Spaß macht?! Weil es nötig ist?! Sicher nicht! Das Individuum optimiert sich selbst, damit man es nicht mehr aufhalten kann. Es hält sich fit, ist kompetitiv. Das Individuum frißt und scheißt alles voll, weil es geil ist und es somit zeigt, dass es da ist, dass es existiert, denn es konsumiert und alle sollen das sehen. Es nimmt sich den Fraß den es will, selten den, welchen es braucht, um es später auszuscheißen, wie es gerne will. Und nicht vergessen: alles, alles posten, auf allen sozialen und asozialen Netzwerken! Urlaub, Naherholung und Meditationsseminare, alles von Nöten, wenn man nicht aufgehalten werden will. Mitziehen, mitgehen, mitlaufen. Auch auf der Arbeit, wo der Mensch, also das Individuum, seine sinnlose Lebensaufgabe verrichtet, darf er unter keinen Umständen gestoppt werden. Nichternstgemeinter Fleiß und vorgetäuschter Tatendrang, routinierte Gleichgültigkeit und sinnentleerter Gedankenverschleiß, alles weniger schlimm, als zurückbleiben und stagnieren. Müßiggang? No way! Aber was passiert, wenn man ihn doch mal aufhält? Ihn hindert, bei der Arbeit, beim Autofahren oder beim Selfie machen? Klar, eigentlich passiert nichts. Im Gegenteil, es würde ihm plötzlich sogar sehr viel Gutes widerfahren. Auf einmal und ganz unvorhergesehen. Er würde endlich sehen, was auch immer sehen. Sehen und hören. Wenn er es kann. Wenn nicht, muss er es neu erlernen. Sehen und hören, mit beiden Augen und beiden Ohren. Nicht so, wie man es tut, wenn man gehetzt irgendwo vorbeilatscht oder besser noch getrieben wird. Getrieben von sich selbst. Denn erst wenn man angehalten wird, kann man innehalten. Vorher ist man eigentlich ständig irgendwo und irgendwie in Bewegung. Mit dem Handy rumspielen z.B. Wobei angehalten werden nicht mit Entschleunigen verwechselt werden darf. Entschleunigung ist ein moderner Begriff, der etwas beschreibt, was dem Individuum im kapitalistischen System helfen soll leistungsfähig zu bleiben. Es schadet dem System überhaupt nicht. Entschleunigung stoppt und behindert nicht. Sie sorgt nur dafür, dass bestehende Prozesse weiter laufen, nur eben ein bisschen langsamer, schonender. Denn der “Turbokapialismus” (wir lieben turbo) kann manchmal ganz schön anstrengend sein, da muss man sich dann kurz erhohlen. Ähnlich zwecklos ist die Meditation. Meditation ist primär von selbstoptimierendem Wesen und bewirkt nur eine Steigerung des Arschlochfaktors. Sie hat den gleichen Zweck wie die Entschleunigung, das System soll dich als Systemindividuum nicht verlieren. Wegen einer Depression z.B., die dann mit Suizid in Eigentherapie behandelt wird. Das Individuum muss sorgsam mit seinen Ressourcen sein, damit es nicht aufgehalten wird. Angehalten oder schlimmer noch angehalten werden, könnte durchaus zu jeder Zeit passieren. Eine gefährliche Sache. Dabei muss es immer dann passieren, wenn man nicht damit rechnet und es einem eigentlich gerade überhaupt nicht passt. Und genau dann beginnt ein sehr wichtiger Prozess. Genau dann lernt das Individuum, dass es ein genauso belangloser Quark (Vorsicht bei Laktoseintoleranz) ist, wie all das, was ihn umgibt. Erst dann, wenn sich ihm irgendwas in den Weg stellt, ihn bremst, richtig bremst, ihn unverschähmterweise daran hindert Individuum zu sein, wird er die Möglichkeit haben, sich mit der Systemfrage auseinanderzusetzen. Sonst wird die Welt, wie wir sie kennen und verachten, im gleichen Tempo weiterdrehen. Irgendwas, irgendwer muss ihn also stoppen. Irgendwer? Am besten Du!

One thought on “don’t stop me now – oder besser doch”

  1. Ingenious!! Written with awesome lucidity and spiritual sharpness. Sociocritical in good chosen terms and refined with gifted humor! Looking for new essays and works of the author . It is pleasure to read! Bravo!

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