ausgeschissen

Sicher bin ich kein religiöser Mensch, nicht im konventionellen Sinne. Ob es einen Gott nun gab oder nicht, war für mein bisheriges Leben wenig relevant. Er mischte sich nicht in meine Angelegenheiten ein und ich mich nicht in die Seinigen. Hier und da ein bisschen Kritik, aber mit soetwas kann man als Schöpfer ja durchaus umgehen. Heute Morgen allerdings wurde ich Zeuge Gottes unglaublicher Macht. Ja, Gott war wirklich mächtig geworden, heute Morgen. Seine Arme mochten schwächlich und von Rachitis deformiert gewesen sein, aber sein Gemächt war mächtig, so mächtig, dass er nicht mal einen SUV oder andere Statusobjekte brauchte. SUV schenkte er den Schwachsinnigen und Grenzdebilen, weil er auch sie liebte(klar, hat sie ja selbst erschaffen) und wollte, dass auch sie geliebt sein sollten, von anderen Grenzdebilen und so weiter. Heute Morgen war es also passiert.

Soeben hatte ich meinen Zug verlassen, um wie so viele, sehr viele andere Menschen im gebährfähigen Alter zu meiner Arbeitsstelle zu gelangen. Der Hauptbahnhof der Stadt war bis unter das hohe Dach mit Menschen gefüllt, die ihre verschlafenen, verkaterten Leiber zu ihrer sinnlosen Tageshauptbeschäftigungsstätten schleiften. Lieblos, wohlbemerkt. Denn alles was sie taten, taten sie lieblos, oder nur weil es andere auch taten. Lieblos schütteten sie sich Energy Drinks oder Kaffee oder Molke oder Urin in ihren Schlund. Sinnlos, nur des Konsumes wegen. Ist schon in Ordnung, dachte ich mir. YOLO und so. Während die einen kräftig schütteten, zerschmierten sich die anderen die Handydisplays wund. Auch YOLO. Ein ganz normaler Morgen wahrscheinlich. Doch dann geschah, was vom Schöpfer so heimtückisch geplant und so fatal seine Ausführung fand.

Ich bemerkte, wie sich die Menschen um mich herum auf einmal anders verhielten, als zuvor. Schlagartig verkrampften sich die einen, warfen sich zu Boden und kringelten sich vor Schmerz, während die anderen ohne grosse Umschweife kollabierten oder gleich tot umfielen. Langsam stieg mir von allen Seiten ein fauliger Geruch von Stuhl in die Nase und als ich mich umsah, die Aufdembodenliegenden betrachtend, stellte ich fest, dass ihnen aus ihren Hosenbeinen, Reißverschlüssen und Hosenbünden Scheiße hervorquoll. Jawohl, ich lüge nicht, ein kollektives Darmentleeren hatte soeben und vor meinen Augen eingesetzt. Und es wollte nicht mehr aufhören. Hysterisch schrienen die Banker und Beamten, Weiber stöhnten gequällt und segneten das Zeitliche. Die Männer verglichen ihren Stuhl, rühmten sich mit ihm und fielen tot um. Totgestuhlt, ganz einfach. Um mich herum sprudelte es aus allen Arschritzen und Hosenschlitzen. Scheiße. Überall Scheiße. Bis zu den Knien stand ich im körperwarmen Morast von Verdautem. Was sollte ich nur tun?

Scheinbar war ich der einzige, dessen Schließmuskel dicht hielt. Was diese Massendefäkation wohl ausgelöst haben könnte? Ein besonders aggressiver Darmvirus? Eine Aktion à la Critical Mass? Nein, sicher nicht. Es war Gott allein, der sich diesen Spaß erlaubt hatte, das war mir bald klar.

Nur mit Mühe schaffte ich es, mich aus dem Kot und dem damit befüllten Bahnhof zu befreien. Auf dem Bahnhofsvorplatz angekommen, bot sich mir jedoch ein ähnlich dramatisches Bild. Busse hielten an den diversen Haltestellen, aus ihren weit geöffneten Türen ergossen sich Ströme von Kacke, Stuhl und Scheiße. Busfahrer und Fahrgäste wurden von weichgewordenem Schiß aus dem Bussen gespült. Einige versuchten noch eine letzte Bewegung, doch vergebens, denn der scharfe Kot hatte sie paralysiert. Mit ihren Exkrementen verließen auch ihre Seelen die Körper. Überall Scheiße! Kot und Verderben. Ich musste dringend Hilfe holen, einen Arzt oder so. Aber auch die hatten sich bereits zu Tode gestuhlt. Das erkannte ich beim Blick zur Haltestelle der Nummer 11, die bekanntlich zum Krankenhaus fuhr. In Reih und Glied fand ich sie seelig lächelnd unter dem Dach des Wartehäuschens. Leblos trieben sie in ihrem Akademikerstuhl. Sie wirkten sehr zufrieden. Hatten doch die vielen Jahre gesunder, hochwertiger Ernährung und Ausdauersport ihre Leiber zu anfälligen Opfern gemacht. Die Körper, welche zur Leistung, Langlebigkeit und ewiger Jugend getrimmt wurden, versagten genau in dem Moment, als auch der Schließmuskel versagte.

Es war aussichtslos. Keine Hilfe weit und breit. Nur Kot, überall. Wo hin ich auch sah und wohin ich auch kam, überall die gleiche Scheiße. Die Geschäfte, die Straßenbahnen und Busse, alle Institutionen, alles zugekackt. Schwerfällig stieß ich meine Füsse durch den zähen, warmen Brei aus dem, was der menschliche Verdauungstrakt mühsam verarbeitet hatte. War ich der Einzige, der sich nicht entleert hatte? Der Einzige, der noch am Leben war? Klar, ich neigte zu Verstopfung, aber so schlimm war es eigentlich auch nicht… Ich spürte, dass es Zeit war mich an eine höhere Macht zu wenden, da mir die Situation ausweglos erschien. Also fragte ich bei Gott an, the one and only. “Herr!, was soll ich nur tun?”, fragte ich den grössten aller Macker. Wider Erwarten bekam ich prompt Antwort, nicht etwa, dass er mit mir sprach oder so, nicht direkt. Als Antwort fiel mir ein stinkender Scheuerhader auf den Kopf. Klamm und kalt spürte ich ihn auf meiner Frisur. Ich nahm ihn mir vom Kopfe und bemerkte, dass der nasse Lumpen mit einer Stickerei verziert war. Sofort begann ich zu lesen, was da geschrieben stand:

“Wegputzen, du Sau!”

Gott war wahrhaftig groß, dass wusste ich jetzt, aber was noch viel interessanter war: er hatte Humor. Einen Humor, so schwarz wie Teerstuhl.

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